Archiv Dienstag, 6. Oktober 2009

Schleichende Landeierisierung

Dienstag, 6. Oktober 2009

Als langjährige Großstadtbewohnerin – unter anderem habe ich dreizehn Jahre lang in der besten Stadt Deutschlands gewohnt – wundere ich mich immer darüber, wie schnell man sich an die Provinz gewöhnt, wenn man denn gezwungen ist, in ihr zu leben. Bei jedem Ausflug nach Hamburg oder auch nur ins gleich weit entfernte, allerdings sehr viel weniger großstädtische Hannover denke ich in den Worten von Jonathan Franzen aus den Corrections (dort allerdings bezogen auf den Unterschied zwischen Philadelphia und New York): In einer halben Stunde sehe ich mehr interessante Leute auf der Straße als zu Hause in einem halben Jahr.
Und überhaupt, was es alles an Neuem gibt, das mir bisher entgangen ist. Zum Beispiel sah ich am Freitag in Hamburg Dreierpackungen Socken. Dreierpack Socken las ich auf der Verpackung, stutzte zunächst, dachte dann aber erfreut: Was für eine gute Idee, ideal für Leute wie mich, die im Besitz einer sich von einzelnen Socken ernährenden Waschmaschine sind. Auch wenn mal ein Socken kaputt geht, muss man den anderen, womöglich liebgewonnenen, nicht gleich wegwerfen, sondern hat noch einen Ersatzsocken im Regal. Das Dreierpack Socken – die zweite Chance für Sockenpaare.
Mit solchen Fragen kann ich mich beschäftigen, weil ich mich bereits in den Herbstferien befinde, Kartoffelferien, wie das hier im ruralen Niedersachsen heißt. (In Bayern hingegen sind gerade erst die Sommerferien zu Ende gegangen.) Weil neuerdings unsere erste Stunde um 7:30 Uhr beginnt, habe ich umso mehr das Gefühl, endlich mal ausschlafen zu können. Was also passiert am ersten offiziellen Ferientag? Um viertel nach sieben rollen städtische Arbeiter in einem Baggerchen an, um unsere unbedeutende Nebenstraße aufzugraben und ein paar neue Kabel im Boden zu verlegen. – Ein kleiner Bagger, aber ein großer Lärm.
Immer wenn ich in Hamburg bin, pflege ich das Ritual, Orte aufzusuchen, an denen ich mich wohl gefühlt habe, obwohl ich insgesamt eher nicht so gern dort gewohnt habe. Den Hafen zum Beispiel, Elbstrände, die U-Bahn, die Alster. Am Freitag stattete ich der zentralen Bücherhalle am Hühnerposten einen Besuch ab – allein schon diese Bezeichnungen: Bücherhalle, Hühnerposten – wo ich ehedem viel Zeit verbracht habe. Die Toiletten dort kosten frecherweise immer noch zwanzig Cent, aber sie sind jetzt verziert mit beherzten Sprüchen von Benutzerinnen: Ist die Bücherhalle, steht dort geschrieben, so arm, dass die Toiletten etwas kosten müssen? Oder, eingängiger: Free toilets.
Das mit der schleichenden Provinzialisierung wurde mir übrigens schon vor einem Jahr von Berliner Freunden bescheinigt, denen ich den Weg zu mir so genau beschrieben hatte, dass sie sich veralbert fühlten. Bei den paar Straßen, sagten sie abschätzig, kann man doch eigentlich gar nicht falsch fahren. Umgekehrt empfinde ich, wenn ich in Berlin bin, den Straßenverkehr als wahre Zumutung, vor allem die Fahrradfahrer. Dabei bin ich selbst dreizehn Jahre lang in Berlin Fahrrad gefahren und fand das immer ganz normal.
Hiermit verleihe ich also meiner Befürchtung Ausdruck, zum Landei zu werden. Und – ich sage das ungern, weil man es als weiteren Beweis werten könnte – es waren dann doch drei Paar Socken.