Reine Willkür
Mittwoch, 21. Oktober 2009Antje Rávic Strubel ist eine Autorin, deren Bücher ich unbesehen im Hardcover erwerbe, sobald sie erscheinen. Vor ein paar Tagen stieß ich auf ein Buch von – besser: mit – ihr, das es im Hardcover überhaupt gar nicht gibt, und das mir wahrscheinlich eine Weile entgangen war, weil es so unscheinbar ist: Wenn ich auf eine Lösung stoße, ist der Text zu Ende. Werkstattgespräch mit Antje Rávic Strubel.
Ein poetologisches Interview anlässlich einer Lesereise in Norddeutschland im letzten und vorletzten Jahr, dazwischen Fotos von der Raufasertapete in ihrer Potsdamer Wohnung, na ja. Das damals neue Buch war Kältere Schichten der Luft, über das ich hier schon mal was geschrieben habe.
In dem Roman geht es unter anderem um die verschwimmende, nicht allzu klare Grenze zwischen den Geschlechtern. Dazu äußert Antje Rávic Strubel im Werkstattgespräch einen Gedanken von Judith Butler, der mir gleichzeitig sehr verblüffend und sehr logisch erscheint (für Judith-Butler-Leser ist das ein alter Hut, und es ist mir ein bisschen peinlich, dass ich da erst jetzt drauf stoße):
Einer der zentralen Gedanken von Butler […] ist die für mich damals erstaunliche Feststellung, dass es im Grunde bestimmte Dispositionen des Körpers sind, die in willkürlicher Zusammenfügung erst die Konstruktion Geschlecht ergeben. Die Genitalien werden mit bestimmten Eigenschaften besetzt, um eine Einteilung der Menschen vorzunehmen. Genauso gut könnte es auch andere Kriterien zur Beschreibung und Einteilung sein. X-Beiner und O-Beiner, Blau- und Braunäugige.
Das überzeugt mich sofort und lässt mich umgehend andere Beispiele für mögliche Geschlechtereinteilungen suchen: angewachsene und nicht angewachsene Ohrläppchen, Leute, die die Zunge rollen können, und Leute, die das nicht können, Leute mit absolutem Gehör und Leute ohne…
Natürlich kann ich mir auch Gegenargumente überlegen. Aber ich finde die Vorstellung von der Willkür der Geschlechtereinteilung ziemlich… äh… sexy.