Archiv Mittwoch, 30. Dezember 2009

Mein Silvestertrauma (Teil 2)

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Die Wohnung befand sich im Seitenflügel, Hochparterre. Um zwanzig nach zwölf hörte man im Innenhof ungewöhnlich viele Stimmen, aber wir dachten uns nichts dabei, denn einige Nachbarn hatten auch im Hof Feuerwerk veranstaltet. Um halb eins sagte A., man müsse wohl doch mal nachgucken, was da los sei, das Ganze komme ihm komisch vor. Ich stand auf, ging ins Nachbarzimmer, aus dem man den besten Blick auf den Hof hatte, hob eine Lamelle der Jalousie an und spähte hindurch. Der Blickwinkel war, wie sich jeder wird vorstellen können, ein ziemlich eingeschränkter. Ich sah die Oberkörper von Leuten und etwas, das ich für den Rauch von Silvesterknallern hielt. Zwar waren das ziemlich viele Leute, aber mein Gott, Berlin ist eben eine bevölkerte Stadt. Alles in Ordnung, verkündete ich, als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, die Nachbarn versammeln sich in großen Mengen im Hof, aber sonst ist nichts ungewöhnlich.
A. sah mich an und verschwand dann selbst im Nebenzimmer. Offenbar guckte er auch mal weiter nach oben als ich es getan hatte, denn als er ins Wohnzimmer zurückkam, sagte er: Das Haus brennt. Im selben Moment klopfte jemand in gewalttätiger Art und Weise an die Wohnungstür. Auf ein solches Klopfen hätte ich niemals geöffnet, wenn ich nicht schon gewusst hätte, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Draußen standen zwei Polizisten, deren betont sachliche Art überhaupt nicht zu dem brutalen Geklopfe passte. Mit tiefen, ruhigen Stimmen sagten sie, unser Haus brenne, und wir müssten evakuiert werden: „Nehmen Sie ein paar Gegenstände mit, die Ihnen wichtig sind. Sie haben zwei Minuten.“
Zwei Minuten, um zu entscheiden, welche Gegenstände mir so wichtig sind, dass sie nicht verbrennen dürfen – das war ein bisschen wenig, fand ich. M. hatte es leicht, sie nahm einfach alles mit, womit sie angereist war. Ich verbrachte eindreiviertel Minuten mit Nachdenken und eine viertel Minute mit dem Einpacken des Ordners, in dem meine sämtlichen Zeugnisse abgeheftet sind und mit dem Greifen meiner Bratsche. Das mit der Bratsche war Quatsch – sie ist nicht besonders gut und nicht besonders wertvoll, und Musik machen ist keines meiner echten Lebensbedürfnisse. Ich spiele gern mit anderen zusammen, ich kann mich dank jahrelanger Erfahrung in Orchestern gut durchpfuschen, ansonsten bin ich technisch ziemlich schlecht. Wenn nicht irgendein Konzert ansteht – freiwillig übe ich nicht.
Auch den Zeugnisordner fand ich im Nachhinein ziemlich unpassend. Zeugnisse sind doch etwas Reproduzierbares, oder? In jeder Schule und Universität gibt es doch Listen über Absolventen und deren Noten. Und mir ist doch völlig egal, ob es sich um ein Original oder ein Duplikat handelt. Selbst Abstammungsurkunden kann man jederzeit im Ordnungsamt nachkaufen. Insgesamt also zwei glatte Fehlentscheidungen. Ich habe seitdem öfter über die Frage nachgedacht, was wirklich unersetzbar ist und bin immer wieder auf Negativfilme gekommen. Müsste ich jetzt noch einmal entscheiden, ich nähme die Ordner mit den alten Negativen mit und natürlich meinen Computer. Der ist inzwischen so voll mit Wichtigem, dass es schon fast erschreckend ist.

Mein Silvestertrauma (Teil 1)

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Offensichtlich habe ich hier noch nie über mein Silvestertrauma geschrieben, das wundert mich selbst ein bisschen. Denn die Geschichte meines Silvestertraumas ist – mal abgesehen davon, dass es sich um ein ernsthaftes Trauma handelt, mit Spätfolgen in Form von Silvesterhass und allem Drum und Dran – eine ziemlich absurde und auch ein bisschen lustige Geschichte. So im Nachhinein.
Mein persönliches Silvestertrauma stammt aus dem Jahr 2000, das zu diesem Zeitpunkt gerade ungefähr eine halbe Stunde alt war. Der Jahreswechsel 1999/2000, Sie erinnern sich, war unberechtigterweise ein besonderer. Schon im Juni dachten die Leute darüber nach, an welchem originellen Ort sie ihn verbringen könnten. Die Reichen dieser Welt flogen in einem Flugzeug irgendwo über Asien – Datumsgrenze und so, Erster sein. Wer sich das nicht leisten konnte, plante eine absolut grandiose, bombastische, pompöse, auf alle Fälle aber besondere Party.
Besonders war in dem Jahr auch die Angst, vor dem Weltuntergang, einer sonstigen gigantischen Katastrophe oder auch nur vor dem Jahr-2000-Problem. Ein Onkel von mir, inzwischen nicht mehr am Leben, damals schon unheilbar krank und auf ein Beatmungsgerät angewiesen, machte sich die größten Sorgen, dass der Chip in seinem Gerät die Arbeit einstellen und ihn selbst zur Unzeit aus dem Leben befördern könnte. Kurz: Was diesen Jahreswechsel betraf, war jeder in irgendeiner Weise hysterisch.
Nur ich nicht. Ich beschloss kurz vor Weihnachten, zusammen mit A. und M. eine Art Gegenveranstaltung zu organisieren: Nur zu dritt, Raclette, kurz anstoßen, dann schlafen, am nächsten Tag ein früher Neujahrsspaziergang, am Nachmittag Besuch bei Freunden. Okay, noch konsequenter wäre es gewesen, gar nicht zu feiern – aber den Weltuntergang im Bett zu erleben, kam mir irgendwie langweilig vor. Man ist ja doch neugierig.
Das Ganze spielte sich in Berlin-Friedrichshain ab, als es noch nicht ganz so hip war wie jetzt, sondern eher eine Mischung aus Alteingesessenen und Studenten. M. kam am Nachmittag vereinbarungsgemäß aus H. angereist, wir machten einen längeren Spaziergang, verbrachten einige Zeit damit, das Gemüse zu schneiden und noch mehr mit der Braterei. Sie wissen, wie das ist: Raclette zieht und zieht sich, am Ende stinkt die ganze Wohnung nach Käse, aber man kann dabei die tiefgründigsten Gespräche führen. Um Mitternacht stießen wir kurz an und aßen dann weiter, während sich die Nachbarn zum Feuerwerken auf der Straße versammelten.