Doppelter Boden

Es gibt ein Interview mit Ian McEwan über seinen Roman Atonement (2001), in dem er erzählt, wie er L.P. Hartleys großartigen Pubertätsroman The Go-Between (1953) gelesen hat, dem sein eigenes Buch in einigen Punkten verpflichtet ist – als Schüler in der Bibliothek seines Internats nämlich. The Go-Between spielt um 1900, und es werden darin ab und zu Karikaturen aus der Zeitschrift Punch aus dieser Zeit beschrieben. Die Internatsbibliothek besaß diese Jahrgänge, und Ian McEwan erzählt, wie faszinierend er es fand, die Lektüre zu unterbrechen, um sich die Zeitschrift anzusehen, die sich gerade im selben Augenblick eine Figur in einem Roman auch ansah – Doppelung der Wirklichkeiten, realer Intertext als Teil der Fiktion.
Daran musste ich denken, als ich kürzlich einen Roman las, in dem jemand von einem Lied berichtet – es wird sehr ausführlich erklärt, worum es darin geht, die Sängerin wird beschrieben, der Refrain wird zitiert und mit alledem wird natürlich auch die Figur charakterisiert und ein Kommentar zum Geschehen abgegeben und so weiter. Das Video zu diesem Lied kann man sich im Internet ansehen, und als ich das tat, konnte ich denselben Realitäts-Thrill spüren, den Ian McEwan beschrieb. Allerdings war ich auch ein bisschen enttäuscht, denn ich mochte das Lied nicht besonders, und das warf einen Schatten auf die Figur.
Ein Roman, der das Spiel mit dem Intertext auf die Spitze treibt, ist Offene Blende von Antje Rávic Strubel (2001) – insgesamt ein etwas überambitionierter Erstling, aber in dem Punkt genial. Es kommt eine Figur vor, die „die Thomas“ heißt, eine Schauspielerin:

Die Thomas hatte ein Gesicht, in dem sie nur ein bißchen die Lippen heben oder die Brauen verschieben mußte, und es zeigte die komplette Ausstattung von Erotik bis Distanz, von anschmiegsamer Katzenfrau zur geheimnisvollen Androgynen, von der ersten Nacht bis zur allerletzten, in der sich das Gesicht nur noch schwer aus der Müdigkeit schält.

Ungefähr in der Mitte des Buchs verlässt „die Thomas“ zusammen mit einer Regisseurin und einer Filmcrew New York, um in Ägypten einen Film zu drehen. Auch Henry, ein Freund der Protagonistin, reist mit – er ist Statist und schreibt Briefe über die Dreharbeiten nach New York. Am Ende sitzt die Hauptfigur im Kino und sieht eben jenen Film:

Sie weiß nicht, in welchem Film sie sitzt, bis sie auf einmal Henrys Gesicht auf der Leinwand entdeckt. Eine kurze Sequenz nur, Kamera close-up auf seinem schwitzenden Gesicht, er hat einen Schlauch in der Nase und liegt auf weißen Krankenlaken. Das Bett rüttelt, ein Lastkraftwagen, ein Krankentransport mit Schwestern vom Roten Kreuz. […] Schnitt.
Die Kamera schwenkt über eine Straße, dann sieht man einen verfallenen Landsitz. Eine Frau, die Spiegelscherben auf Schnüre hängt, um ihr Gesicht zu sehen.

Es ist ganz klar, welcher Film gemeint ist – nur dass er nicht von einer Regisseurin gedreht wurde, und dass die Krankentransport-Szene, so genau man auch hinschaut, so nicht darin vorkommt. Ich glaube, das ist Absicht: Ätsch, sagt die Autorin, du denkst, du erkennst etwas wieder, aber das kannst du gar nicht, weil du das, was ich da beschreibe, noch nie gesehen hast. Eine fiktive Fiktion innerhalb der Fiktion, dreifach gebrochene Realität, ganz und gar nicht verlässlich.
Ebenso wenig wie die Wirklichkeit selbst.


  1. Es ist ganz klar, welcher Film gemeint ist, auch wenn die Szene gar nicht drin vorkommt? Ich bin zu doof für sowas. Für mich klingt das total beliebig. Jemand liegt mit einem Schlauch in der Nase auf einer Krankentrage, kann das nicht ungefähr jeder Film der Welt sein?

    Mittwoch, 13. Januar 2010, 13:23 Uhr von isabo

  2. Andererseits verstehe ich natürlich so dermaßen nix vom Film, dass ich lieber einfach die Klappe halten sollte.

    Mittwoch, 13. Januar 2010, 13:24 Uhr von isabo

  3. Nee, das ist eindeutig der Englische Patient mit Kristin Scott Thomas in einer der Hauptrollen. Nur dass eben genau diese Szene nicht drin vorkommt.

    Ich finds gut, wenn du nicht die Klappe hältst, denn sonst würde hier im Moment überhaupt gar nichts mehr passieren.

    Mittwoch, 13. Januar 2010, 16:34 Uhr von nicwest

  4. Aber warum ist es dann der Film, wenn die Szene nicht drin vorkommt?

    Mittwoch, 13. Januar 2010, 23:37 Uhr von isabo

  5. Weil so ähnliche Szenen haufenweise drin vorkommen. Und wegen der Spiegelscherben und der Thomas. Und, das hab ich nicht zitiert, wegen der Maske des Hauptdarstellers.

    Donnerstag, 14. Januar 2010, 17:30 Uhr von nicwest

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