Sächsisch: Drei minus
Beim Zeugnisschreiben fallen mir zwei Geschichten wieder ein, die der Berliner Kollege U. vor Jahren mal erzählt hat. Er benutzte sie als Belege für seinen grundsätzlichen Eindruck, dass Schüler gerne einfach hinnehmen, was man ihnen vorsetzt, ohne selbst ein bisschen mitzudenken.
U. pflegte den Brauch, bei der Zeugnisausgabe – nicht bei den Kurzen, sondern in der Oberstufe – ein Unsinns-Zeugnis zu verteilen an einen Schüler, von dem er annahm, dass er nicht beleidigt sein oder einen großen Schreck bekommen würde. Das Zeugnis sah auf den ersten Blick ganz normal und seriös aus, nur enthielt es ein Fach, das es gar nicht gab, zum Beispiel Sächsisch. In den meisten Fällen, erzählte U., war es mitnichten so, dass der betreffende Schüler sich eins grinste und die Herausgabe des echten Zeugnisses verlangte. Sondern er meldete sich und sagte voller Empörung: „Hier ist ein Fehler in meinem Zeugnis! Ich habe doch den Sächsisch-Kurs gar nicht belegt!“
Mit einer achten Klasse machte U. einmal einen Fahrradausflug in Berlin – vom Wedding an den Wannsee oder so. Unterwegs verfuhren sie sich. U. bedeutete der Klasse zu warten, er werde mal jemanden nach dem Weg fragen. Als er zurückkam, sagte er aus Quatsch: „Ach du meine Güte, wir sind an der polnischen Grenze. Habt ihr alle eure Pässe mit?“ Woraufhin ein wilder Protest losbrach: „Sie haben uns überhaupt nicht gesagt, dass wir unsere Pässe mitbringen sollen! Wir wussten das gar nicht! Mann ey, Scheiße.“
Tja, so sind sie wohl.
Der Mann macht sowas gerne bei Hausaufgaben. Zum Beispiel zum Thema “Erörterung”, da muss dann immer ein Thema gesucht werden, bei dem sie alle mitreden können. Schreibt er als Aufgabe:
“Guter Unterricht ist nur mit knallharter Disziplin und drakonischen Strafen möglich.” (P. Eitsche, Extrempädagoge)
Erörtern Sie … usw.
Was tun die Schüler? Googlen erstmal diesen Eitsche.
Sonntag, 24. Januar 2010, 19:22 Uhr von isaboIch weiß gar nicht, ob die Schüler wirklich so sind, oder ob sie nicht vielmehr der Meinung sind, Lehrer würden keine Witze machen.
Sonntag, 24. Januar 2010, 19:26 Uhr von isaboEs war mal eine Klasse total schockiert bei der Lektüre des “Vorlesers”, weil da gleich in der ersten Szene gekotzt wird. Sowas könne doch keine Literatur sein, meinten sie, weiß der Geier, woher sie ihre Vorstellung von “Literatur” haben, aber meine war in dem Alter genauso. (Deswegen habe ich auch keine gelesen, “Literatur” musste was Schwieriges, Humorloses, Langweiliges sein. Also ungefähr sowas wie Lehrer.)
Ich glaube ja, dass das gar nicht unbedingt schülertypisches Verhalten ist, sondern dass auch viele Erwachsene so sind: Alles wörtlich nehmen, was Politiker äußern oder Zeitungen schreiben, vorauseilender Gehorsam, wenn man auch eigene Rechte durchsetzen könnte, usw.
Aber klar, Lehrer sind nicht witzig. Und Literatur schonmal überhaupt gar nicht. Deshalb kommen sie, glaube ich, auch so gut mit Kleist zurecht: Weil er genau ihrem Bild von Literatur entspricht, und dann muss man da eben durch.
Das mit dem Herrn Extrempädagogen P. Eitsche ist klasse, das merk ich mir mal.
Sonntag, 24. Januar 2010, 20:48 Uhr von nicwest