Archiv Dienstag, 16. Februar 2010

Es pfoff im Flur

Dienstag, 16. Februar 2010

In diesem Haus spukt es neuerdings. Seit gestern ist hier ein merkwürdiger wiederkehrender Pfeifton zu hören, der so ähnlich klingt wie ein Vogelpiepen oder wie die erste halbe Sekunde eines pfeifenden Wasserkessels.
Es trat zum ersten Mal gestern Nachmittag auf, als die Nachbarin und ich drüben in ihrer Wohnung saßen, Tee tranken und die Ereignisse des Tages besprachen. Kurze hohe Töne im Abstand von ungefähr einer Minute. Zuerst dachten wir, die neuen Nachbarn von unten hätten sich einen Vogel angeschafft, aber so regelmäßig pfeift kein Tier.
Heute berichtete die Nachbarin, das Gepfeife habe sie um ihren wertvollen Morgenschlaf gebracht und entwickelte eine Theorie von einem pfeifenden Marder auf dem Dachboden. Sie hatte auch eine passende Geschichte parat, die sich angeblich in ihrem Elternhaus zugetragen hatte, von einem Marder, den eine Falle nicht getötet, sondern nur verletzt habe, so dass er tagelang schreiend wie ein kleines Kind auf dem Dachboden herumgegeistert sei, woraufhin ein Jäger habe kommen und das waidwunde Tier mit einem Gewehr erlegen müssen, und die Kugel habe dann gut sichtbar im elterlichen Schlafzimmer in der Decke gesteckt. Womöglich hat sie sich diese Geschichte eigens ausgedacht, aber ich stieg trotzdem hinauf auf den Boden.
Natürlich war dort nichts zu sehen. Dafür aber zu hören – das Pfeifen klang von oben als käme es von unten, nämlich aus der Wohnung der Nachbarin. Eine Viertelstunde lang standen wir lauschend in ihrem Flur und hatten dann die Küche als den Raum ausgemacht, in dem die Pfiffe am lautesten waren. Meine vorsichtige Frage, ob es sich nicht vielleicht um Mäuse handeln könne, verwarf die Nachbarin mit einer überzeugenden Mäusestimmenimitation, die in der Tat ganz anders klang als das seltsame Pfeifen. Wir öffneten sämtliche Schränke, in der bangen Erwartung, den pfeifenden Hausgast mit gespitzten Lippen zwischen Tellern und Tassen sitzen und gewissenhaft seiner selbstgewählten Beschäftigung nachgehen zu sehen.
Doch da war nichts. Wir gingen dann arbeiten, mit der leisen Hoffnung, die Pfiffe möchten bei unserer Rückkehr verstummt sein. Das war nicht der Fall. Nicht ohne einander zu versichern, dass wir noch alle Sinne beieinander haben und die Töne tatsächlich hörbar und vorhanden sind, beschlossen wir, dem Phänomen vorerst nicht weiter auf den Grund zu gehen. Die Nachbarin wird wahrscheinlich demnächst wahnsinnig werden oder ausziehen. Aber auch hier an meinem Schreibtisch kann man das Pfeifen sehr gut hören.
Da! Da war es wieder…

(Aus der Serie Geschichten nach Tweets.)

Toll

Dienstag, 16. Februar 2010


Ich kann den Schnee nicht mehr sehen.

Feinde fürs Leben macht man sich dieser Tage, wenn man auf den Stoßseufzer „Ich kann den Schnee nicht mehr sehen“ voller Überzeugung antwortet: „Ich finds toll.“ Ich finds aber wirklich toll – die Helligkeit, die gedämpften Geräusche, wie der Schnee glitzert, wenn die Sonne darauf scheint. Ich bin allerdings auch um den Winter 1978/79 betrogen worden, denn damals hatte ich eine schwere Nebenhöhlenentzündung, lag zwei Wochen im Bett und durfte danach lange nicht draußen spielen. Also: Toll.


Ich finds toll.