Die Hübschigkeit der Schauspieler (4)

Taran und der Zauberkessel (The Black Cauldron, 1995) von Ted Berman und Richard Rich

Lloyd Alexander ist ein Auto und ein Autor, von letzterem stammt die Vorlage für den Film, den diesmal Frau L. ausgesucht hat. Frau L. ist die mit den Rätseln, und zunächst haben wir den heimlichen Verdacht, ihre Wahl sei auf diesen Film gefallen, weil er sich auf der einzigen DVD befindet, die sie besitzt. Das stimmt zwar, aber von Willkür kann keine Rede sein, im Gegenteil: Die Vorbereitung ist gründlich, die literarische Vorlage wird mehrfach ausführlich zitiert, und die Diskussion nimmt schwindelerregende Wendungen.
Ein gruseliger Zeichentrickfilm war uns versprochen worden, und siehe da, das stimmt. Wir sehen den Film ausnahmsweise auf Deutsch, wegen des Musikkollegen, der beständig mit seinem schlechten Englisch kokettiert. Als wir hinterher kurz in die Originalversion hineinschauen, merken wir, dass wir etwas verpasst haben – außer bei Gurgi (crunchings and munchings), den man kaum versteht, weil sie die Stimme irgendwie verfremdet haben. Gurgi erinnert uns darüber hinaus an einen Kollegen: freundlich und viele Haare. Außerdem kommt ein Möchtegern-Barde vor, der gerne mal übertreibt – stretching the truth nennt er das, sehr schön verbildlicht anhand seiner Harfe, deren Saiten sich bei zu viel Lügerei dehnen, bis sie reißen. Ein Schwein in Trance haben wir auch noch nie in einem Film gesehen, und wohl kennen wir Schweinehirten, jedoch keine Hilfsschweinehirten, assistant pig keepers.
Alle außer mir sehen sofort die Parallelen zum Herrn der Ringe – ein Auftrag, eine Gruppe Gefährten, eine Reise. Uralte Motive, immer wieder dasselbe. Die Männer bestehen die Prüfungen, die Frauen müssen befreit werden.
Fragen Sie mich nicht nach den genauen Zusammenhängen, aber von hier aus kommen wir, sanft gesteuert durch Frau L., zu allen möglichen anderen Themen: Zuerst zu den Nibelungen und der Frage, warum Siegfried und Brunhilde sich nicht kriegen, obgleich sie doch so offensichtlich füreinander bestimmt sind. Darüber haben wir uns übrigens schon einmal unterhalten.
Dann geht es zu T.H. White, The Once and Future King und der vom Dachs nacherzählten Schöpfungsgeschichte: Nach der ganzen Schöpferei versammelt Gott die neuen Lebewesen, um ihnen mitzuteilen, sie seien jetzt eigentlich fertig, aber jeder habe noch einen Wunsch frei; jemand wünscht sich ein dickeres Fell, jemand anders größere Pfoten und so weiter, und Gott gibt allen diesen Wünschen statt; nur der letzte sagt, er finde sich gut und möchte bleiben, wie er sei, woraufhin Gott sagt: Da hat jemand etwas verstanden. Frau L. erzählt das natürlich viel ausführlicher und schöner und kriegt auch die Pointe besser hin.
Von dort aus gelangen wir zum letzten Kapitel von Tolkiens The Return of the King, und ich kann wieder nicht mitreden. Es heißt The Grey Havens und schildert die Idylle nach, äh, dem, was immer da passiert ist, in sehr poetischen Metaphern:

The fruit was so plentiful that young hobbits very nearly bathed in strawberries and cream; and later they sat on the lawns under the plum-trees and ate, until they had made piles of stones like small pyramids or the heaped skulls of a conqueror, and then they moved on.

Die Metapher mit den Totenschädeln allerdings passt überhaupt nicht in die Idylle und stört Frau L., seit sie das zum ersten Mal las, und wer kann es ihr verdenken. Ich sowieso nicht, ich kann nur hilflos diese Deutung ergoogeln.
Zum Schluss reden wir über den Nibelungen-Film aus den 60er Jahren, in dem Siegfried von dem Hammerwerfer Uwe Beyer verkörpert wird, einem eher nicht so guten Schauspieler; auch kommt in diesem Film ein Drachen vor, der seine traktorbetriebene Künstlichkeit geradezu demonstrativ zur Schau stellt. Ganz zum Schluss reden wir über das Plagiat, übers Sampeln, über Helene Hegemann, und staunen noch kurz über Schüler, die englische Verben steigern können, den Nil in Niedersachsen vermuten und am Plural von Weltall interessiert sind.
Das war ein anspruchsvoller Filmabend. Dabei haben wir doch lediglich einen gruseligen Zeichentrickfilm gesehen. Und die Hübschigkeit der Schauspieler war überhaupt gar kein Thema.

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