Archiv Sonntag, 25. April 2010

Die Reise nach Reims

Sonntag, 25. April 2010

Il viaggio a Reims heißt die Oper, die Reise nach Reims, aber eine Reise findet gar nicht statt. Ohnehin passiert nicht sehr viel in diesem Stück – eigentlich überhaupt gar nichts, wenn man es recht bedenkt: Eine Reisegruppe mit Mitgliedern aus ganz Europa möchte nach Reims fliegen, aber der Flug hat zunächst Verspätung und wird später ganz gestrichen. Aschewolke oder so.
Eine Oper über das Warten also, von Rossini, aus dem Jahr 1825. Eine Oper, in der der Aéroport Charles X eine zentrale Rolle spielt, der drei Mal in Folge die Auszeichnung ‚Sauberster Flughafen Europas’ erhalten hat und zwei Mal den renommierten ‚Airport Award’ für das beste Frühstücksangebot. Eine Oper, in der die deutsche und die englische Nationalhymne erklingen, die von ganz und gar unmotivierten Eifersuchtsszenen, Liebesduetten und Buffo-Arien nur so strotzt, und in der die Reisenden versuchen, das Flugzeug herbeizutanzen, leider ohne Erfolg. In der, noch viel unmotivierter, dreimal eine sehr alte und sehr erschöpfte Frau in Kittelschürze aufreizend langsam durch den Hintergrund schlurft, um auf dem Geländer zwischen Ankunft und Abflug ihre Wäsche zum Trocknen aufzuhängen. In der außerdem die berühmte italienische Sängerin aufgefordert wird, die Arie All’ombra amena aus der Oper Il viaggio a Reims vorzutragen, was sie dann prompt auch tut, wodurch die Arie All’ombra amena erst zur Arie All’ombra amena aus der Oper Il viaggio a Reims wird.
Die Hauptrolle spielt die Tafel mit den Übertiteln. Sie ist normalerweise dazu da, dem Publikum das Textverständnis der originalsprachigen – das heißt meistens: italienischen – Opern zu erleichtern. In diesem Stück ist es anders. Wenn die deutsche Nationalhymne gesungen wird, übersetzt die Tafel den Text auf Italienisch. Wenn die berühmte italienische Sängerin ein Liebeslied singt, erscheinen Herzchen auf der Tafel, zuerst wenige, dann immer mehr. Beim Vortrag der polnischen Marquise Melibea sind die deutschen Übertitel gespickt mit den Sonderzeichen der półnischęn Orthografie, und wenn der russische General von Libenskof das Wort ergreift, produziert die Tafel kyrillische Schriftzeichen. Die Pause verkündet sie mit „Die Weiterreise verzögert sich um ca. 20 Minuten“, und am Schluss fragt sie das Publikum: „Haben Sie etwas vergessen?“
Das war ein unterhaltsamer Abend. Und es geht um diese Inszenierung. Viva Rossini.