Post
Samstag, 8. Mai 2010
.
Man schreibt mir aus dem Jahr 2070. Da bin ich ungefähr hundert, und am 6. Mai, stelle ich mir vor, werde ich nach dem Morgenspaziergang einen Liegestuhl im Garten aufgestellt haben und dort den ganzen Tag bücherlesend verbracht haben. Vollendete Zukunft.
Ich schreibe auch jemandem – einen Krankenbrief, mit der Hand. Bei tückischen Krankheiten und Todesfällen kündigt die deutsche Sprache ihr Verhältnis mit mir. Sie macht sich aus dem Staub, stellt sich abseits und sieht schadenfroh zu, wie ich versuche, hohle Worthülsen zusammenzubasteln. Die Genesungswünsche klingen unaufrichtig optimistisch, Fragen nach dem Krankheitsalltag sind reine Ausweichmanöver, der Grat zwischen Mitgefühl und Sentimentalität ist zu schmal für mich.
Womöglich will mich die Sprache Demut lehren.