Archiv Mittwoch, 12. Mai 2010

Bart

Mittwoch, 12. Mai 2010

Das Spiel mit den fünf berühmten Belgiern ist einfach, es geht so: Nennen Sie fünf berühmte Belgier – aus dem Kopf, nicht aus dem Internetz. Rubens, Bruegel und Magritte fallen Ihnen vielleicht ein, wenn Sie kunstinteressiert sind, Jacques Brel natürlich (mein persönlich berühmtester Belgier), Eddy Merckx und noch ein paar Fußballer und Tennisspielerinnen. Und natürlich Adolphe Sax, der Erfinder des Saxofons. Belgien ist ein unscheinbares Land, europäischer als alle anderen EU-Länder, aber nicht gerade berühmt für seine, äh, Berühmtheiten.
Umso echter und authentischer ist es, einen unberühmten Belgier zu kennen. Ich kannte zumindest mal einen: Bart aus Antwerpen. Wir trafen uns in Glasgow, wo wir zur selben Zeit ein Auslandsstudienjahr verbrachten. Er wohnte in einem ganz anderen Wohnheim als ich, und ich weiß gar nicht mehr, wie wir uns kennenlernten – wahrscheinlich auf irgendeiner Party gemeinsamer Bekannter. Jedenfalls begegneten wir uns ziemlich früh in diesem Jahr, so dass wir viel Zeit für gemeinsame Unternehmungen hatten.
Die bestanden vor allem aus Wandertrips in den Highlands. Wir pflegten abends zusammen eine Landkarte zu studieren, um uns dann am nächsten Morgen sehr früh – ungefrühstückt und frierend – am Busbahnhof zu treffen und gen Norden zu fahren, wo wir eine spektakuläre neue Route ausprobieren wollten. Oft waren noch andere Leute dabei, eine besondere Bereicherung war stets Javier, der Spanier aus Barts WG, der in seinem nur halb verständlichen Englisch die interessantesten Dinge erzählte. Auf dessen wortreiche Empfehlung zum Beispiel las ich Evelyn Waughs A Handful of Dust, inzwischen eins meiner Lieblingsbücher.
Auf diesen Trips hatten sich gewisse Rituale etabliert. Beim Busfahren morgens sprachen wir kein Wort miteinander – zu früh. Kaum waren wir am Ziel angelangt, hockten wir uns irgendwo hin und aßen erstmal sämtliche Vorräte auf, schließlich hatten wir noch nicht gefrühstückt. Oft hatten wir Joghurt mit und die Löffel vergessen, und es gibt peinliche Fotos, auf denen wir Joghurt mit dem kleinen Finger löffeln. Wir hatten grundsätzlich Plastiktüten dabei, falls wir Resten von Schnee begegneten, auf denen man rodeln konnte – ziemlich kindisch, aber immer ein Riesenspaß. Einmal merkten wir nach der Hälfte der Wanderung, dass wir uns in der Rückfahrtszeit geirrt hatten, und mussten den Rest des Wegs joggend zurücklegen.
Auf der Busfahrt zurück redeten wir über alles und jedes, oft über Sprache, weil das ein Thema war, das uns beide interessierte. Ich weiß noch, wie ich nicht glauben konnte, dass die Flamen zu einigen ihrer Substantive die Artikel nicht kennen, zum Beispiel zu Bus. Müssen die tatsächlich fragen „Wann kommt Bus?“
Ich mochte immer, wie Bart Englisch sprach, mit unbehauchten Konsonanten nämlich, das klang weich und freundlich. Er bestand auch darauf, dass das flämische Niederländisch weniger hart und sehr viel eleganter sei als das holländische.
Unser bester Ausflug war der West Highland Way. Leider hatten wir nicht so viel Zeit – er musste seine Diplomarbeit schreiben, ich hatte auch irgendetwas Dringliches zu tun – so dass wir zwischendurch Bus fahren mussten und nur die Hälfte schafften. Als wir in Fort William ankamen, schrieben wir einen Essay über die Tour (leider verschollen) und kauften den Aufkleber I’ve walked West Highland Way, den wir in zwei Teile zerschnitten. Meiner ist der obere, und ich habe ihn aufbewahrt bis heute.
dieser Text ist nicht lesbar
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dieser auch nicht
Um uns würdig zu verabschieden und bei der Stadt Glasgow zu bedanken, liefen wir an einem heißen Tag im Juni 30 Kilometer durch die Stadt und machten genau hundert Fotos. Eins davon ist ein wirklich gutes Bild, aber ich finde es im Moment nicht. Wenn das verschwunden ist, es wäre wirklich schade.
Barts Diplomarbeit steht immer noch in meinem Bücherregal. Sie trägt den Titel Modelling Genetic Algorithms und ich habe sie natürlich nicht gelesen, ich würde sie gar nicht verstehen. Ich würde sie aber auch niemals wegwerfen, unter anderem, weil auf dem Vorsatzblatt mein Name zu lesen ist, im Kreis der Freunde „with whom I had a wonderful time in Glasgow“. Und wir mit ihm.
Wir haben uns noch je einmal besucht und dann aus den Augen verloren, wie das so ist. Man kann ihn googeln und wiederfinden, aber das ist gar nicht unbedingt nötig.
Warum fällt mir das alles gerade jetzt ein? Weil ich über Himmelfahrt nach Antwerpen fahre. Mit den Berliner Freunden, die seit Tagen besorgte Mails schreiben, wegen der Aschewolke.