Vom Alter
Freitag, 21. Mai 2010Aus Gründen frage ich drei Fünftklässler, wovon sie gerade reden. Einer von ihnen antwortet ziemlich altklug, sie sprächen gerade über ihre Kindheit. Hähä, sage ich überrascht und füge dann – nicht minder altklug – hinzu, die sei doch noch längst nicht vorbei, ihre Kindheit. Sie widersprechen wortreich, und es gibt nur eine kleine Meinungsverschiedenheit, als die beiden Elfjährigen kurzzeitig bezweifeln, ob die Kindheit des Zehnjährigen auch wirklich schon vorbei sei. Wann er denn endlich elf werde? Im September. Das scheint in Ordnung. September – Kindheit vorbei.
Dann rechnen sie aus, wie alt sie alle drei zusammen sind. Ich lasse die unvorsichtige Bemerkung fallen, da seien sie zusammen ja immer noch jünger als ich alleine. Mein Alter ist ein gut gehütetes Geheimnis, was natürlich wilde Spekulationen nährt. Allerdings sind sie inzwischen vorsichtig geworden mit dem Raten. Ob ich mich daran erinnere, fragt der Zehnjährige, wie neulich jemand wissen wollte, ob ich siebenundvierzig sei? Äh, nein, sage ich, und was ich denn geantwortet habe. Er versichert glaubhaft, ich hätte gedroht, das Kind aus der Klasse zu schmeißen. Das sei mir gänzlich entfallen, sage ich, aber ich könne das jederzeit unterschreiben. Trotzdem wagen sie einen neuen Versuch. Ob ich vielleicht vierzig oder einundvierzig sei, wollen sie zaghaft wissen. Nein, bin ich nicht.
Ich bin in einem Alter, in dem bekannte Sportler jünger sind und die jüngsten Bundesminister ungefähr gleich alt, in dem alte Fünftklässler-Eltern etwas älter und junge Eltern sehr viel jünger sind. Ich bin sozusagen im idealen Fünftklässler-Eltern-Alter und finde es manchmal irritierend, dass die tatsächlichen Fünftklässler-Eltern ein Leben leben, das so gänzlich anders ist als meins, obwohl wir alle mit Kindern zu tun haben, sogar mit denselben. Denselben altklugen Fünftklässlern, die alle – sich selbst nicht ausgenommen – für älter halten als sie sind.