Bahnhof verstehen
Der Roman Austerlitz von W.G. Sebald beginnt am Bahnhof von Antwerpen. Der Erzähler steht auf dem Platz vor der Centraal Station und berichtet, wie er an der Vorderfront des Gebäudes hinaufblickt:
Jetzt aber sah ich, wie weit der unter dem Patronat des Königs Leopold II. errichtete Bau über das bloß Zweckmäßige hinausreichte, und verwunderte mich über den völlig mit Grünspan überzogenen Negerknaben, der mit seinem Dromedar als ein Denkmal der afrikanischen Tier- und Eingeborenenwelt hoch droben auf einem Erkerturm zur Linken der Bahnhofsfassade seit einem Jahrhundert allein gegen den flandrischen Himmel steht.
Ganz allein ist er nicht, denn auf seinem Kopf sitzt eine Taube.
Im Wartesaal mit dem melancholischen Namen Salle des pas perdus, der „eher für einen Staatsakt als zum Warten auf die nächste Zugverbindung nach Paris oder Ostende“ erbaut scheint, trifft der Erzähler auf Jacques Austerlitz und beginnt ein Gespräch. Austerlitz mit seinem Interesse an Architektur und seiner umfänglichen Bildung dient als Medium, um dem Leser – scheinbar assoziativ und rhizomatisch – Informationen über bestimmte Wissensgebiete zu vermitteln. So macht er den Erzähler beispielsweise mit der Entstehungsgeschichte des Antwerpener Bahnhofs vertraut:
Gegen Ausgang des 19. Jahrhunderts […], als Belgien, dieses auf der Weltkarte kaum zu erkennende graugelbe Fleckchen, mit seinen kolonialen Unternehmungen sich auf dem afrikanischen Kontinent ausbreitete, als an den Kapitalmärkten und Rohstoffbörsen von Brüssel die schwindelerregendsten Geschäfte gemacht wurden und die belgischen Bürger, von grenzenlosem Optimismus beflügelt, glaubten, ihr so lange unter der Fremdherrschaft erniedrigtes, zerteiltes und in sich uneiniges Land stehe nun im Begriff, als eine neue Wirtschaftsgroßmacht sich zu erheben, in jener jetzt weit schon zurückliegenden und doch unser Leben bis heute bestimmenden Zeit, war es der persönliche Wunsch des Königs Leopold, unter dessen Patronat sich der anscheinend unaufhaltsame Fortschritt vollzog, die nun auf einmal im Überfluss zur Verfügung stehenden Gelder an die Errichtung öffentlicher Bauwerke zu wenden, die seinem aufstrebenden Staat ein weltweites Renommee verschaffen sollten.
(Das ist, wohlgemerkt, ein einziger Satz.) Als Vorbild diente der damals neue Bahnhof von Luzern, der wie der Antwerpener Hauptbahnhof beim Betreten der Eingangshalle das Gefühl vermittelt, „als befänden wir uns, jenseits aller Profanität, in einer dem Welthandel und Weltverkehr geweihten Kathedrale“. Austerlitz erklärt die einzelnen architektonischen Elemente und verweist auf die in 20 Metern Höhe angebrachte goldene Uhr, die als Statthalterin der neuen Omnipotenz noch über dem Wappen des Königs rangiere und zu der alle Reisenden aufblicken müssten, weil sie gezwungen seien, ihre Handlungsweise an ihr auszurichten.
Unter der Uhr steht: Eendracht maakt macht.
Der Bahnhof als steinerne Manifestation der aufstrebenden Kolonialmacht – stellt sich nur die Frage, weshalb andere Bahnhöfe in anderen Ländern ebenso monumental und sakral aussehen. Grand Central in New York zum Beispiel, oder auch der Lehrter Bahnhof in Berlin, der mitnichten nur rational-funktionalistisch ist.
Vielleicht feiert die Eisenbahnhalle den Kult des Geschwindigkeitsraums, den zentralen Knotenpunkt der Bewegung, den Durchgangs- und Verteilerraum, der in Gestalt des ausgehängten Fahrplans und der aus- und einsteigenden Reisenden eigentlich mehrere Orte gleichzeitig ist. Ein Bahnhof ist womöglich sogar das Gegenteil eines Ortes – ein Zustand, ein temporärer Halt in der Bewegung. Vielleicht ist diese Vorstellung eines Nicht-Ortes so beängstigend, dass die Architektur sagen muss: Doch, dies ist ein Ort, und zwar ein besonderer.
Antwerpen Centraal jedenfalls ist seit W.G. Sebalds Beschreibung renoviert worden – weder ist das Foyer „stark heruntergekommen“ noch ist das Zifferblatt der mächtigen Uhr „von Eisenbahnruß und Tabaksqualm eingeschwärzt“.
Der Salle des pas perdus ist im Antwerpener Hauptbahnhof nicht zu finden, vielleicht war er an der Stelle, wo sich jetzt das Royal Café befindet.
Hall of useless pacing.