Die Mühen der Ebene (18. Juni)
Freitag, 18. Juni 2010Es war ein Kampf gegen die Uhr. Um elf begann die Feier zur Entlassung der Abiturienten, um halb zwei das Fußballspiel. Zwar gibt es seit einigen Tagen eine Semi-Public-Viewing-Zone im selten benutzten Konferenzraum neben dem Lehrerzimmer, man musste also nicht erst nach Hause fahren. Die Frage war aber, ob die Veranstaltung rechtzeitig beendet sein würde.
Die Redner trugen auf ihre Weise zur Beantwortung dieser Frage bei. Der Festredner aus der Schulleitung behauptete, er habe die letzten Tage damit verbracht, seine Rede zu kürzen, und hielt dann doch einen dreiviertelstündigen Power-Point-Vortrag. Der Beitrag der Goldenen Abiturienten wurde spontan um den Vortrag zweier Jazz-Standards erweitert – unter anderem spielte ein Pianist mit acht Fingern, die restlichen zwei steckten in einem Verband. Der Silberne Abiturient sprach einfach sehr schnell. Die Abiturienten selbst sagten genau das, was sie sich vorgenommen hatten – meine Wette, dass sie Wassermetaphorik verwenden würden, habe ich glatt gewonnen. Der Elternvertreter erwähnte nur das Allernötigste und brauchte nicht länger als drei Minuten. Am besten war der Bürgermeister, offensichtlich ein Pragmatiker. Er sagte, nun sei es ja so, dass allen das Fußballspiel im Nacken sitze, und da wolle er seine Rede ein bisschen kürzen, er zitiere mal was aus dem letzten Absatz. Und siehe da, das Zitat habe ich behalten:
Das Leben kann man rückwärts verstehen, leben muss man es aber vorwärts (Kierkegaard).
Ich saß in der letzten Reihe, und als ich einmal zur Toilette ging, sah ich, dass die Zwölftklässler, die für den Sektausschank zuständig waren, in der Mensa Frisbee spielten. Neben mir saß Frau L. und sorgte für Stimmung. Weil ich ziemlich erkältet bin, fütterte sie mich pausenlos mit Hustenbonbons, und nebenbei machte sie fiese Bemerkungen über die Kleidung der Abiturienten. Als der achtfingrige Pianist Bye Bye Blackbird spielte, sang sie laut mit. Und als am Anfang die Abiturienten vor lauter Aufregung im Laufschritt in die Aula einzogen, kicherte sie so ansteckend, dass die ganze letzte Reihe mitlachen musste.
Die Veranstaltung war um Punkt halb zu Ende. Ich habe dann noch ein Glas Sekt getrunken und ein paar Leuten gratuliert, und als ich in den Konferenzraum kam, stand es zwei zu zwei. In Gelben Karten.
Nachtrag: Oh, und der Verein ist wieder aktiv. Großartig!