Die Mühen der Ebene (20. Juni)
Sonntags arbeiten Lehrer eigentlich immer, weil sie den Unterricht für Montag vorbereiten müssen. Ich habe gar keinen regulären Unterricht mehr in den letzten drei Tagen vor den Ferien, aber trotzdem habe ich heute etwas getan, das mit Schule zu tun hatte. Meine Aufgabe ist es immer, die musikalischen Schulveranstaltungen für die Schul-Homepage und die lokalen Käseblätter zu besprechen, und also musste ich etwas schreiben über das Musical des Unterstufenchors, das gestern Abend zum ersten Mal aufgeführt worden war.
Das war eine eher langweilige Schreibaufgabe: Jeder muss gelobt werden, parataktischer Satzbau ist erwünscht, Witz nicht gefragt. Ein Verlaufsprotokoll des Schreibprozesses sähe so aus:
Ich habe offensichtlich schon ein bisschen angefangen nachzudenken, denn als ich mich an den Computer setze, kann ich sofort einen Satz hinschreiben, der auf jeden Fall drin sein muss. Einen zweiten Satz weiß ich auch schon, aber er hat nichts mit dem ersten zu tun. Ich lasse eine große Lücke und kümmere mich erstmal um die Bügelwäsche. Währenddessen denkt es anscheinend weiter in mir, denn beim nächsten Aufenthalt am Schreibtisch kann ich dem ersten Satz zwei weitere hinzufügen. Dann versuche ich an Baustelle zwei weiterzubasteln, produziere aber nur Halbsätze und einzelne Wörter. Also mache ich wieder was anderes und werfe nebenbei ab und zu einen Blick auf den Bildschirm. Irgendwann fällt mir eine Verknüpfung zwischen Baustelle eins und Baustelle zwei ein, ab dem Zeitpunkt geht es flott voran. Ich springe noch ein paar Mal auf, um diverse andere Dinge zu erledigen, produziere nebenbei aber erstaunlich kohärente Sätze. Für die Überschrift konsultiere ich die Partitur des Musicals, weil ich ein griffiges Zitat brauche, das das Stück angemessen zusammenfasst. Dann warte ich ein paar Stunden – eine Nacht wäre eigentlich das Minimum – bevor ich das Ganze nochmal lese. Ich finde drei dicke Fehler, korrigiere sie und schicke den Text ab.
Das ist ganz und gar anders als ich es meinen Schülern beibringe. Schon in Klasse 5 rede ich von Schreibplan und Struktur – erst überlegen, dann schreiben.
Ich hingegen schreibe total planlos, verlasse mich auf meine Intuition und den Computer, bin gänzlich unstrukturiert. Eben zum Beispiel habe ich gerade nebenbei ein Poesiealbum befüllt, getwittert und eine CD gebrannt– keine besonders guten Voraussetzungen für einen strukturierten, kohärenten Text.
Die Schreiberin in mir sagt: Tja. Die Lehrerin sagt: Nur wer die Regeln beherrscht, kann sie brechen.