Archiv Freitag, 23. Juli 2010

Das Gegenteil eines Schweißtropfens

Freitag, 23. Juli 2010

Wir haben immer noch Ferien, und am gefühlt heißesten Tag des Jahres machen wir eine Fahrradtour – die zwei Lieblingskollegen und der Besuch, ehemalige Kollegin, aber vor meiner Zeit. Ich kenne sie, weil sie öfter zu Besuch kommt, sie hat sich nicht wegen der Anstalt oder der Leute versetzen lassen, sondern wegen der Provinz, zuerst war sie in Osnabrück, jetzt ist sie in Oldenburg, unter Großstadt versteh ich was anderes, aber egal.
Sie äußert den Wunsch nach einer Fahrradtour. Wir sind höfliche Gastgeber, organisieren ihr ein Fahrrad und fahren los. Es ist brütend heiß, wir kennen uns auch nicht so richtig gut aus, die Karte ist nicht auf dem neuesten Stand, wir fahren ein paar Umwege. Wir haben viel zu reden, denn alle waren im Urlaub und haben sich länger nicht gesehen. Wir trinken Wasser, quasi pausenlos.
Irgendwann ist das Wasser alle und der Boden von einer Beschaffenheit, wie ich sie von rund um Berlin kenne – Sand. Wir müssen schieben. Dann kommen wir durch ein Dorf, in dem eine weitere Kollegin wohnt, hoffen, dass sie uns auf ihren nagelneuen teuren Gartenmöbeln, deretwegen sie einen handfesten Streit mit ihrem Freund auszufechten hatte, mit frischem Wasser bewirtet, allein – sie ist nicht da. Im Urlaub, wie es ihr gutes Recht ist. Wir schreiben ihr eine lustige Nachricht, schieben weiter, und weil wir alle wissen, wie schlimm es ist, wenn bei einem Ausflug die Stimmung kippt, bleiben wir heiter und reden eben einfach weniger.
Ein paar Kilometer weiter befinden wir uns zwar wieder auf einem befahrbaren Weg, aber die beiden Lieblingskollegen haben jetzt ausdrücklich und demonstrativ schlechte Laune. Nur der Besuch und ich glauben noch daran, dass nach der nächsten Kurve rechts die Straße zu den Teichen abzweigen wird. Die Teiche. Dort wollen wir baden, denn es ist heiß.
Die Abzweigung kommt nicht, sie ist einfach nicht da. Wir fahren weiterhin geradeaus und landen schließlich in einem Ort, den wir kennen, weil wir da mit dem Auto durchfahren, wenn wir in die nächste Stadt wollen. Das Flüsschen, das die Teiche speist und auf dem man hervorragend paddeln kann, fließt durch diesen Ort. Die schlecht gelaunten Kollegen hinten legen plötzlich an Tempo zu. Sie überholen uns, missachten die Tatsache, dass ich den Weg zu den Teichen doch noch entdecke, eilen in Richtung Fluss, werfen die Fahrräder achtlos hin, entkleiden sich im Laufen und springen hinein. Der Lieblingskollege fühlt sich bemüßigt, seinen Kopf ins kühle Wasser zu tunken – genau dort, wo die Strömung am stärksten ist – vergisst dabei allerdings, dass er seine Brille noch trägt. Die ist beim Auftauchen weg und der Kollege fast blind.
Er hat sehr schlechte Augen, deshalb stimmt fast blind. Es beginnt eine ernsthafte Brillen-Suchaktion, in die auch zufällig anwesende Badegäste eingebunden werden – gefunden wird nichts. Der Kollege sieht wirklich wenig und kann nicht weiter Fahrrad fahren. Es beginnt eine komplizierte Auto-Rückhol-Fahrrad-Überführungsaktion, in deren Verlauf ich, weil ich überhaupt die einzige Nicht-Brillenträgerin bin, noch einmal mit einer Taucherbrille den Grund des Flüsschens absuchen muss. Ich sehe alles Mögliche, auch Dinge, die man in einem Fluss nicht vermuten würde, aber nicht die Kollegenbrille.
Später sitzen wir in einer der Lokalitäten in unserem Ort, damit niemand, der nicht gut sieht, auf die Idee kommen muss, etwas zu kochen. Eine Ersatzbrille hat er nämlich nicht. Die Stimmung ist gedrückt. Der Besuch fühlt sich schuldig und entwirft Pläne für den nächsten Tag: Augenarzt, Notfall, neue Brille. Welche Geschichte wir der Sprechstundenhilfe erzählen – Brille in Fluss gefallen klingt irgendwie inkompetent.
Am nächsten Tag fahren wir um sieben Uhr morgens los, um vor acht in der Stadt beim Augenarzt zu sein. Die dramatischen Geschichten vom Vorabend erzählen wir lieber nicht, sondern murmeln etwas von Brille und total zerstört. Es funktioniert, um halb neun stehen wir beim Optiker und finden eine sehr schicke neue Brille für den Kollegen. Danach kaufen wir noch alles Mögliche ein, machen sogar eine weitere Radtour, es ist auch längst nicht mehr so heiß, und freuen uns über die wiederhergestellte gute Stimmung. Und darüber, dass man an Ferientagen einfach mal etwas tun kann, das man sonst nicht macht.
Bei der entscheidenden ersten Radtour sind übrigens noch weitere kleinere Katastrophen passiert, die ich mal lieber unerwähnt lasse. Nur die Überschrift sollte ich noch erklären: Dem Besuch flog in einer der Trinkpausen, als noch Wasser vorhanden war, etwas unter den Rock. Sie errötete und tat kund, sie müsse mal kurz… ihr sei da gerade etwas… und so weiter. Jemand schlug vor, das sei womöglich nur ein Schweißtropfen. Worauf der Besuch erwiderte, nein, es sei genau das Gegenteil eines Schweißtropfens.
Während sie sich des Eindringlings entledigte, diskutierten wir anderen die Frage, was wohl das Gegenteil eines Schweißtropfens sein könnte. Später stellte sich heraus: Das Gegenteil eines Schweißtropfens fließt nicht herab, sondern krabbelt hinauf. Logisch, oder?

Perlen gotischer Baukunst (13)

Freitag, 23. Juli 2010

Als der Zug in die Station einfuhr, musste ich an einen Nachmittag vor zehn Jahren denken. Damals war ich mit meiner Schwester Amy in der Chicagoer Hochbahn unterwegs gewesen. Sie musste drei oder vier Stationen vor mir aussteigen. Als sich die Türen öffneten, war sie aus dem vollbesetzten Wagen gestiegen, hatte sich umgedreht und gerufen: „Tschüss, David, und viel Glück vor Gericht mit dieser lästigen Vergewaltigungsklage.“ Sämtliche Fahrgäste hatten sich umgedreht und mich angestarrt. Einige schienen neugierig, andere erschrocken, aber die große Mehrheit schien mich mit einer Leidenschaft zu hassen, wie sie mir nie zuvor begegnet war. „Das war meine Schwester“, hatte ich gesagt. „Die macht gern so Späßchen.“ Ich lachte und grinste, aber es half alles nichts. Jede Geste schien meine Schuld nur noch zu vergrößern.

David Sedaris, Ich ein Tag sprechen hübsch, S. 292/293

Ein Vormittag – schwupps, war es durchgelesen. Laut gelacht beim Lesen, das passiert nicht oft. Ein Buch für Blogger, das die Frage beantwortet, wie man sein Leben so beschreibt, dass es interessant und komisch erscheint und lesenswert für andere. Ich bin sicher, die Hälfte ist erlogen, aber so überzeugend, dass man ihm alles glaubt. Ich bewundere Autoren, die aus den kleinsten Alltagsereignissen die interessantesten Geschichten machen können. Am besten finde ich Schwester Amy. Und als nächstes lese ich Naked.
Die Übersetzung liest sich übrigens, als sei sie in großer Hast hergestellt worden – falsche Präpositionen sind mir öfter aufgefallen, und zuweilen seltsame Satzbauten. Auf dem Titel steht, sie sei von „Georg Deggerich & Harry Rowohlt“, und erst auf der Rückseite des Vorsatzblattes erfährt man: „Die Titelgeschichte wurde von Harry Rowohlt übersetzt, alle übrigen Übertragungen: Georg Deggerich“. An der Titelgeschichte ist sprachlich nichts auszusetzen.