Guten Tag, Herr Schröder
Das Ende der Sommerferien naht. An einem Tag gegen Ende der Ferien – sobald das neue Schuljahr begonnen hat, fehlt dafür die Zeit – muss man unweigerlich große Mengen Schulbücher und anderen Kram kaufen, den man noch braucht. Das Zentralabitur schreibt Themen vor, in denen man sich womöglich überhaupt nicht auskennt, man benötigt Sekundärliteratur, Lehrerhandreichungen, didaktisiertes Material, Anregungen eben, man möchte nicht jedes Jahr das Rad neu erfinden. Man kriegt Rabatt und man kann das alles von der Steuer absetzen, aber man gibt erstmal Unsummen dafür aus.
Ich reise zu diesem Zweck mit der Bahn in die Landeshauptstadt. Die Zugbegleiter der Metronom-Züge sind bekannt für ihre geschwätzige Originalität. Auf der Hinfahrt sagt einer ein Gedicht auf, das erklärt, warum der Alkoholkonsum im Zug verboten ist. Auf der Rückfahrt gibt es eine Durchsage für die zusteigenden Fahrgäste: „Dieser Zug ist kein Adventskalender. Man kann bedenkenlos alle Türen öffnen.“
In Hannover muss ich zuerst zur Bank meines Vertrauens, damit ich die Bücher auch bezahlen kann, und dort treffe ich auf Herrn Schröder – Sie wissen schon, den ehemaligen Bundesschröder. Eigentlich dachte ich, er arbeitet in Russland, aber vielleicht hat er ja zur Erledigung von Bank- und anderen Geschäften ein paar Tage freigenommen. Er sieht aus wie im Fernsehen und wird angestarrt und beständig von wildfremden Leuten gegrüßt, der Ärmste, aber er grüßt gleichbleibend höflich zurück. Ich gucke natürlich diskret woanders hin.
Für Schulbücher, Folienstifte, Korrigierstifte, Papier gebe ich Unsummen aus und ärgere mich wie jedes Jahr darüber, dass Lehrer die meisten ihrer Arbeitsmaterialien selbst bezahlen müssen. Wo gibt es denn sowas? Schlimm genug, dass mein Arbeitgeber mir kein Büro zur Verfügung stellt, in dem ich meine Arbeit erledigen kann, die eben nur zur Hälfte aus Unterricht besteht.
Erst auf der Rückfahrt erinnere ich mich daran, dass Herr Schröder einmal die These geäußert hat, Lehrer seien faule Säcke. Er war ganz offensichtlich nicht informiert über die zweite Hälfte, die Vorbereitung, die Konferenzen und Besprechungen, das Korrigieren. Wäre mir das früher eingefallen, ich hätte ihn freudig gegrüßt.
Den Ärger darüber, Arbeitsmaterial selbst zahlen zu müssen (von der Steuer absetzen heißt ja nicht zurückkriegen), verstehe ich nur zu gut. Ich stelle mir dann immer vor, vom Industriemechaniker in der Fabrik würde erwartet, dass er jeden Tag mit seinem eigenen Werkzeugkasten zur Arbeit erscheint.
Dienstag, 27. Juli 2010, 13:21 Uhr von kaltmamsellWieso freudig grüßen? Du hättest ihm ja mal die Meinung geigen können. Das wäre witzig gewesen. Aber natürlich hätte ich mich das auch nicht getraut. Und gebracht hätte es auch nichts. Aber egal. Allein die Vorstellung, man hätte ja…
Dienstag, 27. Juli 2010, 13:52 Uhr von Kollegin K.@kaltmamsell Sehr schönes Beispiel.
Dienstag, 27. Juli 2010, 22:11 Uhr von nicwestIch ärgere mich nur bedingt über diese Sache, weil ich nicht finde, dass Lehrer zu wenig verdienen. Aber: Das Prinzip und das Problem der gesellschaftlichen Anerkennung sind schon Gründe, derentwegen man an den derzeitigen Bedingungen zweifeln kann.