Archiv Montag, 29. Juli 2013

Coast to Coast (1) – Wainwright

Montag, 29. Juli 2013

Die spinnen, die Briten – denken sich komische Sachen aus, und alle machen sie nach. Zum Beispiel Alfred Wainwright, der sich 1972 überlegt hat, wie schön es wäre, einmal quer durch Nordengland zu wandern, von Küste zu Küste, und zwar auf einer möglichst geraden Linie, einer beeline, von St. Bees an der Irischen See bis Robin Hood’s Bay an der Nordsee. Das sind 152 Meilen Luftlinie, aber weil man dann doch nicht durch Häuser und über Autobahnen gehen kann, und weil Wainwright außerdem noch die Bedingungen größtmöglicher Naturschönheit und Menschenleere erfüllen wollte, ist der Weg schließlich 192 Meilen lang geworden, etwas über 300 Kilometer.
Wainwright sah für diese Strecke 13 Tage vor, mit Etappen bis zu 21 Meilen, fast 34 Kilometern, und wir haben zwei halbnackte junge Engländer getroffen, die beim Überholen damit angaben, den Weg in acht Tagen schaffen zu wollen, aber der Mitwanderer und ich planten gleich von Anfang an 16 Tage ein, und das war auch gut so. Allerdings hatten wir keinen Pausentag, was wir manchmal bedauerten, weil keine Zeit war, sich bestimmte Orte näher anzuschauen (z.B. Richmond, die einzige Stadt, durch die man kommt), und wir trugen unser Gepäck selbst, wofür wir, weil das kein Mensch macht, anfangs belächelt und später bewundert wurden.

Der Coast to Coast Walk mit unseren Übernachtungsstationen. Die großen grünen Flecken sind die Nationalparks, durch die der Weg hindurchführt: im Westen Lake District, in der Mitte Yorkshire Dales, im Osten North York Moors.

Die Etappen waren unterschiedlich lang, die kürzeste 13 Kilometer, die längste 27, wir hatten keinen einzigen Regentag, haben Regenjacken und -hosen die ganze Zeit umsonst mitgeschleppt, und mussten, weil es so ungewöhnlich heiß war, an manchen Tagen vier Liter Wasser mitnehmen. Auch Lunchpakete brauchten wir, weil wir oft tagelang an keinem Laden vorbeigekommen sind, außerdem sind wir wegen der geringen Geldautomaten-Dichte mit größeren Mengen Bargeld herumgelaufen. Von der Geburt des royalen Babys haben wir nichts mitgekriegt.
Der Weg ist einer der bekanntesten Fernwanderwege Großbritanniens, deshalb ist das mit Wainwrights Menschenleere so eine Sache – man tut gut daran, im Sommer die Quartiere vorzubuchen, und einige Abschnitte, besonders im Lake District, sind wie Autobahnen für Wanderer. Wir haben mehrere Leute getroffen, die extra aus Land Amerika angereist waren, nur um diesen Weg zu gehen, zum Beispiel Mary und Tony, die Pink Ladies (die hatten pinke T-Shirts an und saßen jeden Abend mit anderen Männerbekanntschaften im Pub) oder Die Zahnbürste, die sich nach jeder Mittagspause auf dem Berg zwanghaft die Zähne putzte – man würde doch denken, dass man in den USA auch ganz gut wandern kann.
Überhaupt haben wir nette Bekanntschaften gemacht, abends im Pub, beim Frühstück im Bed & Breakfast oder unterwegs. Manche Leute trafen wir einmal und dann nie wieder, manche begleiteten uns ein paar Tage lang und waren dann plötzlich verschwunden, aber Mary und Tony sowie die vier Niederländer Hermann, Antje, Roderick und Hesther (Vater, Mutter, Sohn und Sohnfreundin) begegneten uns am ersten Tag und unterwegs immer mal wieder – Hermanns Standard-Verabschiedungsformel we’ll meet again (plus gepfiffener Melodie) traf stets zu.
Diese sechs und wir fanden uns am letzten Tag, nach geglückter Vollendung, zufällig alle im selben B&B wieder, so dass wir gemeinsam ins Pub gehen und auf Durchhaltevermögen und good feet anstoßen konnten. Dazu kam noch Warren, der alte Australier, dem man in navigationstechnisch schwierigen Gebieten, im Moor beispielsweise, bedenkenlos folgen konnte, weil er gut war im Kartenlesen. Der Mitwanderer übrigens auch, ich ja eher nicht so.

Das Ende. Auf der gefühlten Skala ist die Höhe der Berge mitnichten maßlos übertrieben.

Weil der Weg ziemlich bekannt ist, können mehrere Organisationen davon leben, den Leuten das Gepäck zu transportieren und ihnen Unterkünfte zu buchen. Zum Beispiel fahren die Packhorse-Minibusse jeden Tag von Kirkby Stephen aus (das liegt ungefähr in der Mitte, und das zweite k hört man nicht) nach Osten und nach Westen und sammeln Gepäck und müde Wanderer ein, und wenn Ehrgeiz und Würde das zugelassen hätten, hätten wir auch mal eine Etappe mit dem Bus fahren können.
Geht aber natürlich gar nicht.