Archiv Dienstag, 30. Juli 2013

Coast to Coast (2) – Rituale

Dienstag, 30. Juli 2013

Am Anfang und am Ende muss man einige Rituale ausführen, ohne die der Coast to Coast Walk nicht vollständig wäre: Man muss zu Beginn die Wanderschuhe ins Meer tunken, das Schild bei Mile Zero fotografieren und einen Kieselstein einstecken, den muss man am Ende ins andere Meer werfen, ebenfalls einen Schritt ins Wasser tun, sich unter dem The End-Schild fotografieren lassen und in Wainwright’s Bar etwas trinken. Das haben wir natürlich alles getan.

Der Anfang: St. Bees. Ja, das ist Nordengland und da baden Leute im Meer. Der Hügel rechts ist St. Bees Head, über den der Weg führt, und dann noch eine Weile an der Steilküste entlang.

Außerdem haben sich unterwegs noch andere Rituale ergeben: jeden Tag gates und stiles zählen (Maximum: 49, Minimum: 1), Eselsbrücken bauen, um sich die Zahlen zu merken (und zwar jeden Tag andere: zehn Gebote, Mitglieder von Fußball-National- mannschaften, zwölf Apostel – nicht einfach nur sagen, sondern namentlich aufzählen), Reisetagebuch schreiben (abends beim Essen im Pub), B&Bs bewerten (auf einer Skala von eins bis zehn; da gab es öfter Auseinandersetzungen, weil der Mitwanderer Punkte abzog, wenn er sich in alten Häusern bücken musste, um durch Türen zu gehen, während ich hingegen alte Häuser besonders toll fand; eindeutigen Abzug gab es allerdings für das Bad, das so eng war, dass man die Tür öffnen musste, um sich übers Waschbecken beugen zu können; bewertet wurde auch englische (Punktabzug) oder deutsche Faltung der Betten), in bestimmten Situationen bestimmte Dinge sagen, z.B. nach dem Duschen über das Badezimmer „Puh, ist das heiß da drin“ oder „Ist auch gut gegen Skorbut“, wenn der Mitwanderer Zitronenscheiben aufaß, die eigentlich nur zur Zierde gedacht waren oder „aua aua aua aua aua“ beim Wiederlosgehen nach einer Pause und dem Versuch, vom Torkelmodus wieder in den Gehmodus zu kommen (eine englische Bekanntschaft sagte dazu: „I have to get my feet back into gear“), oder „hach“ (ich) und „herrlich“ (der Mitwanderer) bei besonders schönen Ausblicken.
Außerdem gab es noch die Huffing-and-Puffing-Skala, ebenfalls von eins bis zehn, zum Messen der Anstrengung beim Besteigen von Bergen, und bei zehn Punkten auf dieser Skala oder wenn eine Etappe partout kein Ende nehmen wollte, dann durfte man laut rufen: „Fuck you, Wainwright!“ Aber nur dann.

Der erste cairn auf dem ersten Berg am ersten Tag. Der Berg war im Nachhinein gar nicht so hoch, hatte aber trotzdem zehn Punkte auf der Huffing-and-Puffing-Skala. Tony und Mary, die Kalifornier, behaupteten, anderthalb Jahre für diesen Weg trainiert zu haben – nun gut, wir sind ein bisschen jünger, aber wir hatten nur anderthalb Tage trainiert, und das merkte man auch. Allerdings wird man mit der Zeit immer fitter.

Im Weg stehenden Schafen riefen wir zu: „Wir oder ihr! Es kann nur einen Sieger geben!“ – das war aber ungefährlich, weil die sowieso zuverlässig in wilder Panik davonrannten. Bei Kühen taten wir das nicht, schon gar nicht, wenn ein Bulle mit auf dem Feld war. Der Mitwanderer war mutig und betrat Kuhweiden im roten T-Shirt, aber ich habe Schiss vor großen dicken Tieren und gehe dann lieber mal einen Umweg. Auf einer Wiese lagen zwei Lamas, aber da mussten wir nicht rüber.

Sich wegducken in der Hoffnung, übersehen zu werden, ist auch so ein Schafsding. Dieses Exemplar ist überdies ein schönes Beispiel für abstrakte Kunst am Schaf – mir fiel immer der Frisörfilm Blow Dry (Über kurz oder lang) ein, wo jemand färben üben muss und dafür Schafe benutzt. Der Film spielt übrigens auch in Yorkshire.

Das war Tag 2, da waren wir nicht in Yorkshire, sondern noch in Cumbria. Die Landschaft sieht alpin aus, aber weil diese Berge nicht wirklich hoch sind, geht man sie ganz unalpin in einer geraden Linie hoch und auch wieder runter. Manchmal hätte man sich auf den Hosenboden setzen und hinabrutschen wollen, so steil war das.