Archiv Donnerstag, 1. August 2013

Coast to Coast (4) – Kalte Getränke

Donnerstag, 1. August 2013

Der höchste Punkt des Weges ist – Alternativrouten mal ausgenommen – der Kidsty Pike mit 784 Metern. Der Anstieg ist nicht so schlimm, jedenfalls nicht zehn Punkte auf der Huffing-and-Puffing-Skala, und der Ausblick ist überwältigend. Wir trafen dort Hermann und Hesther, und es gab Diskussionen über ein Foto, das Hermann unbedingt vom Mitwanderer und mir machen wollte: War der freie Blick wichtiger („Hesther, geh mal da weg“) oder sollte Hesther im Hintergrund sitzen bleiben dürfen („ich bin Teil ihres Urlaubs, sie haben mich bis jetzt jeden Tag getroffen“)? Hermann siegte, und das Foto ist jetzt ohne Hesther.

Blick vom Kidsty Pike. Da unten, 400 Meter tiefer (in unserem Tagebuch steht, ein bisschen beleidigt: „unangemessen steiler Abstieg“), sieht man schon Haweswater, ein künstlich angelegtes Reservoir, an dem man noch meilenweit entlanggeht. Das war Tag 5, die zweitlängste Etappe mit 24 Kilometern.

Wenn man diesen Berg überwunden hat, ist man raus aus dem Lake District, und es folgen flachere Gefilde.

Flachere Gefilde. Dies ist eins meiner Lieblingsbilder. Es ist typisch für das zweite Drittel des Wegs, die Yorkshire Dales, liebliche grüne Täler mit Trockenmauern.

Der Trockenmauerbau ist eine Kunst für sich, und Trockenmauer- bauer ist ein Beruf. Eigentlich sind es zwei Mauern, die einander stützen, alle paar Fuß kommt ein Verbindungsstein dazwischen, der sie zusammenhält. Die Steine werden sorgfältig ausgewählt und müssen genau passen, damit die Mauer stabil ist; ein guter Handwerker schafft an einem Tag ungefähr zwei Meter. Diese Mauern halten ewig, es sei denn, jemand klettert hinüber und macht sie kaputt. Natürlich sind Zäune einfacher und billiger, aber Trockenmauern sehen einfach besser aus.

Keine Trockenmauer, aber noch auf dem richtigen Weg. Jenseits des Lake District ist die Beschilderung wieder besser. Der Weg ist kein offizieller National Trail, deshalb beschildert jede Gemeinde, wie sie will.

Das englische Wegerecht ist so eine Wissenschaft für sich. Praktisch alles Land ist in Privatbesitz, aber seit dem Mittelalter gibt es das Prinzip des public right of way, das Leuten erlaubt, privates Land zu überqueren. Es ist ein bisschen strikter als das skandinavische allemansrätt; wenn man nicht im Gänsemarsch über private Viehweiden und Bauernhöfe geht, macht man sich quasi schon des trespassing schuldig. Manche Eigentümer stellen gut sichtbare Schilder auf, damit man den Weg findet und schnell von ihrem Grundstück verschwindet. Andere lassen es drauf ankommen und schicken ihre Hunde vor, wieder andere nageln Totenköpfe aus Plastik auf ihre Zäune, damit man weiß, was einem blüht, wenn man sich danebenbenimmt. Es gibt aber auch Leute, die stellen Kisten mit kalten Getränken auf und eine Kasse daneben.

St. Mary’s in Bolton-on-Swale. Mittagspause auf dem Friedhof mit kalten Getränken.