Archiv Samstag, 3. August 2013

Coast to Coast (6) – Englisches Frühstück

Samstag, 3. August 2013

In den meisten B&Bs frühstückt man zimmerweise, an kleinen Tischen, aber in einigen gab es große Gemeinschaftstische, die die Gäste zwangen, sich über irgendetwas zu unterhalten – das Wandern, die Landschaft, das Wetter. In Reeth saß ein australisches Ehepaar mit am Tisch, das wir ein paar Tage lang immer mal wieder trafen. Die Frau redete beim Frühstück ausführlich und monologisch über Politik, über australische Wahlen, den arabischen Frühling, Ägypten, Bangladesh und noch vieles andere. Nachdem sie den Tisch verlassen hatte, sagte eine distinguierte englische Dame voll echter Empörung: „This is too heavy for breakfast!“ Wir mussten lachen, aber das war zugleich ein Moment tiefster Wahrheit, ein Einblick in die englische Seele und die Natur von small talk.
Die Australier verschwanden übrigens, nachdem sie uns nach dem Weg gefragt und wir sie über eine Kuhweide mit Stier drauf geschickt hatten, die wir selbst weiträumig umgingen. Andere Leute berichteten allerdings, die beiden seien danach noch lebend gesehen worden.

Ja, ich gebe es zu, Schafe faszinieren mich. Diese hier waren zum Scheren oder Zählen oder so auf eine schmale Weide gesperrt worden und machten ein Heidenspektakel, weil sie sich ihrer Freiheit beraubt fühlten. Ein Geblöke sondergleichen. Das muss man als Schafzüchter erstmal aushalten.

Schafe beim Gemüsefußball. Die Bälle müssen öfter mal erneuert werden.

Bevor es in den Hochmooren Yorkshires wieder bergiger wurde, kam eine Durststrecke, komischerweise im flachsten Teil der Tour, wo man schnell voran kam und nicht außer Atem. Aber die Landschaft war unspektakulär, es gab übelriechende Flüsse, Industriebrachen und hässliche Wälder („in diesem Wald möchte man nicht Baum sein“), und zwei oder drei Tage lang hatten wir nicht recht Lust. Wir mussten eine Eisenbahnlinie überqueren („Stop. Look. Listen.“) und eine vierspurige Schnellstraße („Take your time, then dash…“) – das war die einzige Gelegenheit, bei der man uns rennen sehen konnte.
Dann kamen die Moore; wir lernten das Wort boggy fürchten, sahen Moorhühner in rauen Mengen und dachten an Wuthering Heights. Tag 14 war so neblig, dass man nicht die Hand vor Augen sah.

Das war eine Jugendgruppe, die vom Zelten kam. Die jungen Leute sahen nicht so glücklich aus.

Abends trafen wir im Pub Warren, den coolen alten Australier, der erzählte, er habe in Ermangelung erkennbarer Fotomotive an diesem Tag lauter grimassenschneidende Selbstporträts gemacht.