Die Frau mit dem Aluhütchen

Auf der Autobahn 9 in Thüringen wurde Heiligabend eine Geisterfahrerin von der Polizei gestoppt. Die 64jährige Frau aus Winsen war 70 Kilometer auf der falschen Seite unterwegs gewesen. Verletzt wurde niemand. Gegen 22 Uhr war sie bei Bad Lobenstein von Beamten der Polizei Saale-Orla gestoppt worden. Ein Beamter habe einen Stopp-Stick (eine Art Nagelgurt) vor ihren Daihatsu Cuore geworfen, berichtete die Thüringische Landeszeitung.
Die Frau, behängt mit allerlei Christbaumschmuck, hatte ihr Auto „zum Schutz vor Strahlenbeeinflussung“ mit einer Tüllgardine drapiert. Zudem hatte sie aus Aluminium eine Art Helm gebastelt. Sie war 70 Kilometer aus Bayreuth auf der falschen Seite in Richtung Berlin gefahren. Die Frau habe von Celle nach Leipzig fahren wollen, weil sie jedoch die Abfahrt nach Leipzig verpasst hatte, fuhr sie auf der A9 nach Süden. Bei Bayreuth bemerkte sie ihren Fehler, wendete und setzt ihre Fahrt auf derselben Richtungsfahrbahn als Geisterfahrerin zurück nach Norden fort. In Bayern hatte sie zudem etliche von der Polizei aufgestellte Straßensperren durchbrochen. Sie wurde trotz Widerstands vorläufig festgenommen.

© Cellesche Zeitung

Winsen, das ist hier ganz in der Nähe.

Auf ein Neues

Die Sache mit den guten Vorsätzen scheitert regelmäßig daran, dass man sich die Ziele unerreichbar hoch steckt, weil man glaubt, Silvester um Mitternacht würde man plötzlich ein anderer Mensch. Stimmt natürlich nicht. Deshalb habe ich diesmal beschlossen, mir ein garantiertes Erfolgserlebnis zu verschaffen, indem ich nur einen einzigen Vorsatz fasse, der noch dazu relativ leicht zu verwirklichen ist – allerdings auch nicht zu leicht.
2011 bin ich wochenlang daran gescheitert, aber 2012 wird das Jahr sein, in dem ich mir einen neuen Fahrradsattel kaufe.

Zum alljährlichen Silvesterritual – dem Hasen im Rausch – gehört außerdem das Anhören dieses hervorragend wunderschönen Liebesliedes:

Fertisch? Dann kommen Sie gut ins neue Jahr.

Kossen [Nachtrag]

Mündlich tradiertes Wissen, das im Internetz nicht zu finden ist – sehr faszinierend. Nachdem ich gestern über Kossen geschrieben hatte, rief ich meine Mutter an, um sie noch mal genauer zu befragen, zum Beispiel zum Rezept.
Ein Rezept gebe es nicht, sagte sie, man nehme einfach so viel Roggenmehl wie man Teig haben wolle, ein Kilo, ein Pfund, egal, mische es mit etwas Salz, kippe Wasser dazu und knete das ordentlich durch. Nicht zu viel Wasser, denn der Teig müsse ziemlich fest sein, schließlich müssten die Tiere ja stehen. Tiere? Na klar, ihre Großmutter habe immer sehr kunstvoll Tiere geknetet, Elefanten und ein Pferd mit einem Reiter. Die hätten ja beim Backen nicht umfallen dürfen. Kleiderbügel seien lachhaft und gegen jede Regel. Und im Übrigen seien Kossen ja Ziegen; woher ich denn wisse, dass das mit Doppel-S geschrieben werde.
Ich sagte, das wisse ich gar nicht, bloß wenn man es Kosen schriebe, dann würde man es anders aussprechen. Und wieso Ziegen – knetete die Großmutter auch Ziegen? Nein, Kossen seien Ziegen, Ziegen habe ihre Großmutter Kossen genannt.
Meine Urgroßmutter stammte aus Masuren, aus Hohenstein (heute Olsztynek, Polen); sie sprach neben Deutsch auch Polnisch, und ein Blick ins polnische Wörterbuch zeigt: koza = Ziege. Es könnte also auch ein polnischer Brauch sein. Ihre Großmutter, sagte meine Mutter, sei übrigens nicht nur beim Kossen machen handwerklich geschickt gewesen – nach dem Krieg habe sie die ganze Familie mit Nähen durchgebracht. Im ländlichen Niedersachsen, wo sie nach der Flucht gelandet waren, sei sie überregional bekannt gewesen für ihre Nähkünste.
Tante Lisbeth hatte davon offensichtlich nichts geerbt, dabei war sie genauso ihre Tochter wie meine Großmutter, beide unehelich geboren und beide von verschiedenen Männern – damals unerhört. Diese Urgroßmutter hieß Karoline Dlugokinski, und ich freue mich beim Aussprechen jedes Mal über die Luftblase zwischen den ersten beiden Buchstaben ihres Nachnamens.

Kossen

Silvester tut man Dinge, die lange dauern, schon sowieso mit Kindern. In meiner Familie gab es jahrelang das Silvesterritual „Kossen machen“. Das wird [kɔzn] ausgesprochen, stammt aus Ostpreußen, wo meine Mutter herkommt, und geht so ähnlich wie Plätzchen backen. Allerdings mit salzigem Roggenteig und ohne Förmchen – wie Fimo zum Essen.
Man saß da rund um den mehlbestäubten Tisch im Wohnzimmer und knetete stundenlang lustige Gestalten aus Teig, wobei sich der Ehrgeiz darauf richtete, selbst etwas eindeutig Erkennbares zu formen und sich gleichzeitig lautstark über die plumpen, nicht identifizierbaren Gebilde der anderen lustig zu machen.
Ich sehe noch Tante Lisbeth vor mir, wie sie mit ihren rheumagekrümmten Fingern undefinierbare Objekte aus klebrigem braunem Roggenteig herstellte. Mein Vater war immer der Unbegabteste von allen; er verlegte sich irgendwann auf die Produktion von Kleiderbügeln. Die konnte man zwar ganz hervorragend erkennen, aber man machte sich trotzdem darüber lustig.
Wenn der Teig verbraucht war, wurden die Kossen im Ofen gebacken und dann verzehrt. Dass sie gut schmeckten, kann man eigentlich nicht behaupten, und das Problem war immer, dass beispielsweise ein Mann mit kugelrundem Bauch und Strichbeinen teilweise steinhart und teilweise noch fast roh war. Ich glaube, die meisten Kossen wurden von uns Kindern gegessen, wahrscheinlich sogar alle. Kossen und Neujahrskonzert im Fernsehen – so fing für mich jahrelang das neue Jahr an.
In diesem Internetz finde ich darüber nichts (Kossen ist ein Ortsteil der Gemeinde… Meinten Sie Kössen? Meinten Sie kosen?), und ich habe noch nie jemanden getroffen, der das auch kennt. Wer weiß, womöglich hat sich das irgendein Familienmitglied einfach ausgedacht und dann als alte ostpreußische Tradition deklariert.

Lauter Beschwerden

Dies ist der erste Beitrag für das noch zu gründende Social Network namens dooffindr.
Diese Weihnachtsferien sind die kürzesten aller Zeiten, sie dauern noch nicht mal zwei Wochen. Geht gar nicht. Ich prangere das an.
Dann das Wetter mal wieder – ein anständiger Winter ist was anderes. Gegen Schneeschippen habe ich überhaupt gar nichts, das mache ich gern, aber im Nieselregen vom Weihnachtskonzert nach Hause kommen? Doof. Überhaupt, diese Dunkelheit. Nur vier Stunden pro Tag kann ich in meinem Lieblingssessel ohne Licht lesen. Dass die Wintersonnenwende hinter uns liegt, macht es nur für Extremoptimisten besser, nicht aber für dooffindr-Mitglieder.
Das Loch, das schon seit Wochen in meinem Fahrradsattel ist, verschwindet einfach nicht. Jeden Morgen hoffe ich aufs Neue, dass sich das Problem womöglich über Nacht von selbst gelöst hat – Fehlanzeige. Und am Fahrradladen klebt ein Zettel: „Ich habe bis zum 18. Januar Urlaub.“ Doof. Auch ist Vor mir die Welt vorbei, weil das Jahr rum ist. Extrem doof.
Und nein, ich habe keine schlechte Laune mehr. Meckern hilft.

„Mir wär’s wirklich lieber…

…du würdest nicht Leute wegen ihres Aussehens beurteilen oder was für Klamotten sie anziehen, oder wie sie reden, oder wie auch immer – sei einfach nett, okay?“1

Alte Tradition in diesem Blog, Weihnachten an das Fliegende Spaghettimonster zu erinnern.
Im Jahr 2011 feierten seine Anhänger einen triumphalen Sieg: Erstmals wurde das Nudelsieb als religiöse Kopfbedeckung offiziell anerkannt (zumindest in Österreich).

1 Henderson, Bobby: Das Evangelium des Fliegenden Spaghettimonsters, München 2008, S. 113.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (15)

Der Adler der Neunten Legion, 2010, mit Channing Tatum, Jamie Bell, Donald Sutherland

Der Adler der Neunten Legion, das Taschenbuch zum Film – ja nee, so ist es falschrum. Das Buch von Rosemary Sutcliff ist ein Jugendbuchklassiker, erschienen 1954, und der Film ist eine Hollywood-Produktion aus dem Jahr 2010.
Über das Buch habe ich in der siebten Klasse mal ein Referat gehalten, dessen Beginn meine kleine Schwester und ich bis heute auswendig können, weil ich anscheinend sie als Publikum benutzt habe, um das unendlich oft zu üben: „Rosemary Sutcliff wurde in einem kleinen Ort in Südengland geboren. Als kleines Kind erkrankte sie schwer und konnte einige Jahre lang keine Schule besuchen. Später befasste sie sich intensiv mit historischen Studien, die sie in ihren Romanen verarbeitete…“ Zudem steht das Buch total zerlesen im Bücherregal – schlechte Voraussetzungen für den Film also.
Der war im zentralen Kino des Provinzstädtchens angekündigt worden, in Vorschauen und auch in Gestalt einer lebensgroßen Pappfigur des römischen Centurio Marcus Flavius Aquila im Foyer. Er wurde dann dort nie gezeigt, und quasi aus Protest kaufte Kollegin G. die DVD, kaum war sie erschienen.
Es ist wieder mal die klassische Quest-Situation: eine Aufgabe, die erfüllt werden muss, an der die Mitwirkenden wachsen und die sie – das weiß man von Anfang an – natürlich meistern werden. Das Bemühen um historische Akkuratesse ist erkennbar, die Schauspieler sind leidlich hübsch (bis auf den Stiernacken des einen und die Segelohren des anderen), wenn man will, kann man schwulen Subtext entdecken.
Interessanter sind die Unterschiede zwischen Buch und Film. Das Drehbuch tut alles, um poetische Passagen zu nivellieren und die Dramatik zu steigern, und zwar die Dramatik von Kampfszenen. Da zersäbeln Streitwagen mit Sensenblättern an den Naben Männerbeine, da wird wild aufeinander eingestochen, kleinen Kindern die Kehle durchgeschnitten, Leute werden enthauptet. Und uns wird übel.
Die Altersfreigaben schwanken ziemlich: in Deutschland ab 12, in Italien ohne Beschränkung, in Großbritannien unter zwölf nur in Begleitung eines Erwachsenen, in Finnland ab 15, in Malaysia ab 18. Der anwesende Gast (40) meint, ab 41 wäre genau richtig.
2010 ist ein weiterer Film zum Thema des rätselhaften Verschwindens der Neunten Legion erschienen, Centurion von Neil Marshall – hier ist eine ganz kenntnisreiche Einordnung des Stoffs.